«Mit den Jahren kam das Heimweh»
Rund ein Viertel der Orchestermitglieder kommt aus der Schweiz. Drei von ihnen sprechen über ihren (Um-)weg in die Heimat und das internationale Orchesterleben.
Beginnen wir mit ein wenig Statistik: Welche Sprache sprecht ihr im Orchesteralltag am häufigsten?
Rafael Rosenfeld Vielleicht Englisch? Oder doch Schweizerdeutsch?
Isabelle Weilbach-Lambelet Ich spreche vor allem Deutsch und Französisch. Aus der Romandie sind wir nur zu viert im Orchester, aber mit den Kolleginnen und Kollegen aus Frankreich ist diese Sprachgruppe relativ gross.
Tobias Huber Bei mir ist es vermutlich Hochdeutsch. Aber auch Schweizerdeutsch spreche ich oft.
RR Was mir auffällt: Es ist für Musikerinnen und Musiker von anderswo gar nicht mehr so leicht, in diesem Orchester Deutsch zu lernen. Früher war das selbstverständlich, weil es die Hauptsprache war. In den 1990er-Jahren redeten einige mit den Neuen sogar konsequent Schweizerdeutsch. Als dann David Zinman Chefdirigent wurde, bekam das Englische mehr Gewicht, heute ist es die Universalsprache. Ich rede zum Beispiel auch mit französischen Kollegen meist Englisch, obwohl ich ja Französisch gelernt habe.
Etwa ein Viertel der Orchestermitglieder stammt aus der Schweiz; damit seid ihr die grösste Gruppe. Spielt ihr als Gruppe in irgendeiner Form eine Rolle?
RR Nein.
TH Nicht einmal in den Gremien. Im Orchestervorstand zum Beispiel ist es zwar sicher von Vorteil, wenn man gut Deutsch kann. Aber die Nationalität ist nicht relevant.
IWL Ich hätte gar nicht gedacht, dass wir so viele aus der Schweiz sind. Vielleicht, weil mit mir fast niemand Schweizerdeutsch spricht?
TH Aus meiner Sicht ist ein Viertel nicht besonders viel. In Deutschland etwa ist der Anteil der «Inländer» meist deutlich höher.
Vielleicht hat Isabelles Eindruck auch damit zu tun, dass der Schweizer Anteil in den verschiedenen Registern sehr unterschiedlich ist. Beim Cello und beim Horn ist er hoch, bei den Violinen eher nicht. Ist das Zufall?
TH Es gibt schon sehr viele gute Blechbläser in der Schweiz!
RR Auch das Cello hat hier eine grosse Tradition. Das hat mit prägenden Figuren wie Claude Starck oder Walter Grimmer zu tun. Heute ist unser ehemaliger Solo-Cellist Thomas Grossenbacher ein wichtiger Lehrer für die jüngere Generation. In unserem Register ist diese Schweizer Linie sehr präsent.
IWL Ja, das hört man, ihr seid sehr homogen! Bei den Geigen gibt es diese Tradition tatsächlich weniger. Ich habe auch nicht in der Schweiz studiert, sondern in Hamburg und München.
«Viele sagen ja, die Klassik sei altmodisch. Dann denke ich immer: Guck doch mal genauer hin, wer da sitzt! Unsere Internationalität ist alles andere als konservativ.»
Tobias Huber
Insgesamt sind im Orchester 23 Nationen vertreten: Wie wichtig ist dieser internationale Kosmos für euch?
IWL Sehr wichtig und sehr schön. Ich würde nicht in einem rein schweizerischen Orchester spielen wollen. Die Schweiz ist so klein, da hat man irgendwann Durst nach anderem – deshalb bin ich für das Studium auch weggegangen. Die Offenheit, die ich in unserem Alltag erlebe, hat sehr viel mit dieser internationalen Besetzung zu tun.
RR Wir sind da vielleicht schon ein bisschen in einer Blase. Für uns ist dieses gemischte Umfeld selbstverständlich. Es wäre fast seltsam, wenn es anders wäre.
TH Aber gerade diese Selbstverständlichkeit finde ich essenziell. Viele sagen ja, die Klassik sei altmodisch. Dann denke ich immer: Guck doch mal genauer hin, wer da sitzt! Der Frauenanteil wächst – und auch diese Internationalität ist alles andere als verstaubt und konservativ. Es ist eine riesige Sammlung von Erfahrungen und Informationen, die da jeden Tag zum Dienst kommt. Natürlich beeinflusst das die Art, wie man die Welt sieht.
Gibt es Momente, wo ihr diese Internationalität besonders schätzt?
TH Auf Tournee! Es gibt in jeder Stadt Leute, die da aufgewachsen sind, studiert oder gearbeitet haben.
IWL Sie haben immer Insider-Tipps, sie wissen, was man unternehmen kann, und vor allem: wo das Essen gut ist.
RR Umgekehrt tun wir uns jeweils ein bisschen schwer mit Insider-Tipps in Zürich. Wenn man hier etwas Gutes essen will, wird es rasch teuer.
TH Wir gehen mit Gastmusikern oft zum Sternen Grill …
IWL Da fällt mir gerade ein, dass wir noch nie einen Raclette-Abend mit dem Orchester gemacht haben. Vielleicht sollten wir das mal planen?
Wenn wir schon bei den nationalen Spezialitäten sind: Ein Klischee besagt, dass in der Schweiz zwar die breite Ausbildung sehr gut ist – aber besondere Talente nicht wirklich gefördert werden. Was habt ihr diesbezüglich für Erfahrungen gemacht?
RR Ich hatte das Glück, dass meine Eltern Musiker waren, die wussten schon, wie und wo. So ging alles ziemlich geradlinig. Ohne einen solchen Hintergrund kann es schwieriger sein, die richtigen Wege für ein begabtes Kind zu finden. Die helvetische Tendenz zu einer Nivellierung ist nach wie vor da und dort spürbar; aber es gibt auch sehr gute Angebote.
IWL Ich habe die Geigenschule von Tibor Varga in Sion besucht, wo ich sehr gezielt gefördert wurde – die stand jedoch gewissermassen ausserhalb des hiesigen Schulsystems. Wir waren nur wenige aus der Schweiz.
RR Die Schule ist hier schon anspruchsvoll. Es ist kein Zufall, dass von den Schweizer Solo-Cellistinnen und -Cellisten im Tonhalle-Orchester Zürich niemand eine Matura hat. Die meisten von uns haben zwar das Gymnasium angefangen, aber irgendwann musste man sich entscheiden. In Deutschland ist das anders, dort ist das Abitur eher machbar.
IWL Ich habe auch keine Matura. Tibor Varga hat mir irgendwann gesagt: «Mademoiselle, wenn Sie etwas werden wollen, müssen Sie jetzt Gas geben. Viel mehr üben, für ein paar Monate vier Stunden täglich Technik und Etüden.» Drei Tage später war ich beim Gymnasium abgemeldet. Meine Lehrer hielten mich für verrückt, aber es war die richtige Entscheidung. Ich konnte zum Beispiel viel Kammermusik machen – das wäre neben der Schule nie möglich gewesen. Was mir auf meinem Weg ebenfalls sehr geholfen hat, sind die Stipendien, die ich erhalten habe: Es gibt viele grosszügige Stiftungen in der Schweiz, das ist enorm wichtig für den Nachwuchs.
TH Bei uns Hornisten ist das anders als bei den Streichern, wir müssen nicht so früh so viel üben. Wenn man eine Stunde lang seriös arbeitet, kann man sehr viel erreichen, mehr braucht es im Alter von 15 oder 16 Jahren nicht. Ich habe deshalb ganz normal die Matura gemacht. Es war auch erst relativ spät klar, dass ich an die Musikhochschule will. Aus heutiger Sicht finde ich es gut, dass ich so lange gewisse Freiheiten hatte, um in die Breite zu gehen. Ich habe damals zum Beispiel auch die Jazzschule besucht. Das Studium absolvierte ich dann in Luzern und Basel, und da gab es nichts, was gefehlt hätte. Das kam erst nachher.
Wann denn?
TH In Schweizer Orchestern gibt es für junge Musikerinnen und Musiker – und insbesondere für Bläser – nur wenige Möglichkeiten, Orchester-Erfahrungen zu sammeln. Da bietet sich der Sprung ins Ausland an. Ich war in München, beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dort gibt es eine sehr gut ausgebaute Orchester- Akademie, in der man zwei Jahre lang umfassend betreut und in den Orchesterbetrieb eingearbeitet wird. Das war eine sehr intensive, spannende und prägende Zeit.
«Meine Studienzeit in Hamburg war zunächst genial, alles war offen. Aber mit den Jahren kam das Heimweh, man merkt dann: Das vermisse ich, und jenes auch.»
Isabelle Weilbach-Lambelet
Ihr habt alle eine Zeit lang in Deutschland studiert und/oder in Orchestern gespielt. Warum seid ihr zurückgekommen?
IWL Ich hatte das eigentlich nicht geplant. Aber während meines Studiums in Hamburg habe ich viele Orchester gehört, darunter auch unseres mit David Zinman. Mir hat die Energie in diesem Konzert extrem gut gefallen, und ich habe immer gedacht: Wenn ich einmal in einem Orchester spiele, dann am liebsten in diesem. Dass es dann tatsächlich so gekommen ist, war jedoch Zufall.
TH Ich war insgesamt über zehn Jahre in Deutschland, nach der Zeit in München hatte ich eine feste Position bei den Essener Philharmonikern. Das Einzige, was mich zurücklocken konnte, war tatsächlich meine jetzige Stelle. Diese hatte ich aber bereits seit 2005 im Blick, ich habe damals rumgeschaut und mir gesagt: Wenn dieser Musiker mal pensioniert wird, diese Stelle will ich haben. 14 Jahre später fand dann das entsprechende Probespiel statt.
Eine Planung auf ein Nadelöhr hin …
TH Ja! Im Nachhinein erzählt sich das natürlich lustig, aber unterwegs gab es schon einige Ups und Downs, man weiss ja nie, wie es ausgeht.
RR Ich kam bereits mit 22 Jahren ins Orchester, während ich noch in Lübeck studierte. Thomas Grossenbacher hat mich damals angerufen und gefragt, ob ich es nicht probieren wolle. Dass es so rasch klappte, hatte zwei Seiten: Ich fand sehr früh eine Position, die mir viel besser gefiel, als ich gedacht hätte. Aber ich habe später trotzdem einige Zeit pausiert, weil ich noch anderes sehen wollte.
Aber in ein anderes Orchester hättest du nicht wechseln wollen?
RR Nein. Ich habe während des Studiums in Deutschland gemerkt, wie gern ich in der Schweiz lebe. Davor war mir das gar nicht so bewusst. Ich mag die Verlässlichkeit hier, dass die Dinge funktionieren, dass die Strassen sauber sind; dass es schön ist, landschaftlich und in den Städten. Und auch, dass ich die Mentalität gut kenne: Selbst wenn wir nicht so viele «Einheimische» sind, haben wir doch eine Art, miteinander umzugehen, die mir sehr vertraut ist – und die ich als Aushilfe in anderen Orchestern nirgends angetroffen habe.
IWL Ich habe das ganz ähnlich erlebt. Die Zeit in Hamburg war zunächst genial, es war so interessant, alles war offen. Aber mit den Jahren kam das Heimweh, man merkt dann: Das vermisse ich, und jenes auch. Irgendwann war klar, dass ich nicht in Hamburg bleiben würde, dass es mich zumindest ein Stück weit in Richtung Süden zieht. Als ich dann Akademistin in München war, haben die Leute an sonnigen Tagen immer gesagt: Schau mal, die Berge! Und ich dachte: Wo denn, bitte? Wir sind in der Schweiz schon sehr verwöhnt. Da wird man anspruchsvoll.
Nicht alle können sich diesen Anspruch leisten: Die meisten eurer Kolleginnen und Kollegen leben weit weg von zu Hause. Wie weit wärt ihr gegangen? Hättet ihr eine Stelle in Tokio, Bukarest oder Buenos Aires angenommen?
RR Am ehesten noch Letzteres …
TH Ich bin nicht Musiker geworden, um hier zu bleiben. Man muss schon bereit sein, hinauszugehen, die Bequemlichkeit kann nicht im Vordergrund stehen. Aber dass ich jetzt die Möglichkeit habe, auf höchstem Niveau spielen zu können und dazu noch diese Lebensqualität zu haben, empfinde ich als unfassbares Glück.
«Im Bereich der Ausbildung ist die helvetische Tendenz zu einer Nivellierung nach wie vor da und dort spürbar; aber es gibt auch sehr gute Angebote.»
Rafael Rosenfeld
IWL Wir alle haben einen langen Weg und eine anspruchsvolle Ausbildung hinter uns. Das macht man nur, wenn man die Musik und sein Instrument liebt und bereit ist, vieles zu opfern. Ich wäre vermutlich nicht gerade nach Japan in ein Orchester gegangen, obwohl mich das Land fasziniert. Aber auf Dinge verzichten, um musikalisch erfüllt zu sein, das würden sicher viele von uns.
RR Die Frage ist, was man für dieses Erfülltsein braucht. Kürzlich war ich familienhalber längere Zeit in den USA – ich möchte dort weder leben noch in einem Orchester spielen. Das Niveau ist zwar extrem hoch, aber die Kultur ist sehr anders. Ich habe das Gefühl, dass die Leidenschaft, das Persönliche und Kammermusikalische in unserem Orchester schon speziell ausgeprägt sind.
IWL Und der Spass! Ich habe in Deutschland ebenfalls ein sehr hohes Niveau erlebt. Das Gemeinschaftsgefühl ist dort vielleicht sogar stärker ausgeprägt als bei uns, es gibt mehr Leute aus der gleichen musikalischen Schule. Hier in Zürich sind wir sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Aber gerade deshalb geht man sehr offen miteinander um, und alle geben alles: Das ist das Besondere an unserem Orchester.
TH Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Schweiz an sich schon ein heterogenes Konstrukt ist? Das braucht von vornherein eine gewisse Offenheit. Ich schätze es sehr, dass man sich hier nicht verbiegen muss, man wird nicht in eine strikte Tradition hineingezwungen und kann deshalb wirklich mit Enthusiasmus spielen.
Wie viel hat das Klima im Orchester mit den Rahmenbedingungen zu tun? Diese sind in der Schweiz stabiler als anderswo, und dann spielt ihr auch noch in einem schönen Saal …
TH Ich glaube nicht, dass die Zahl auf meinem Gehaltszettel einen grossen Einfluss darauf hat, wie ich spiele. Aber der Saal ist sehr wichtig. Er ist wie ein Instrument für das Orchester, er prägt die Klangvorstellung von uns allen. Wenn ich ihn mit anderen Orten vergleiche, haben wir es wirklich sehr gut.
RR Die Arbeitsbedingungen sind schon wichtig. Es ist viel schwieriger, mit Leib, Seele und Konzentration Musik zu machen, wenn man überlastet ist oder es beispielsweise zu wenig Proben gibt.
TH Es ist aber nicht so, dass die Schweiz für alle das gelobte Land wäre. Etliche Leute aus meinem Studium sind nach wie vor im Ausland, sie sind gerne dort und haben super Jobs. Es gibt nicht nur Zürich.
IWL Aber wir haben es definitiv gut hier. Die Leute, die bei uns ein Praktikum machen, würden jedenfalls immer gerne bleiben.
Also alles bestens? Oder hättet ihr noch Wünsche für das Schweizer Musikleben?
RR Mein grösster Wunsch gilt international: Ich finde es schade, dass überall mehr oder weniger dieselben Solistinnen und Solisten spielen. Es ist wahnsinnig schwer für junge Leute, eine Chance zu bekommen. Natürlich müssen die Häuser ihre Säle füllen; aber persönlich fände ich eine grössere Abwechslung interessanter.
IWL Ich würde mir wünschen, dass die Vielfalt bei den kleineren Theatern und Konzertveranstaltern erhalten bleibt. Viele haben in der Corona-Zeit sehr gelitten, und es ist wichtig, dass sie weiterhin richtig gepflegt, unterstützt und geschätzt werden. Die Nähe zwischen Publikum und Künstlern in kleinen Sälen ist ein besonderes Erlebnis. Ich fände es wirklich schade, wenn es irgendwann nur noch die grossen Festivals und Veranstalter geben würde.
TH Das ist für mich ebenfalls der wichtigste Punkt. Wir haben ein so vielfältiges Kulturleben – das ist nicht selbstverständlich, wenn man in andere Länder schaut. Von mir aus könnte das alles noch viel durchlässiger werden, es gibt schon noch da und dort zu viel Spartendenken und dicke Mauern, die man abbauen könnte. Aber es werden viele gute Initiativen gestartet, auch bei uns. So etwas wie die Zusammenarbeit zwischen unserem Orchester und dem Zurich Jazz Orchestra beim tonhalleAIR im vergangenen Sommer zum Beispiel: Das hat den Horizont für beide Seiten geöffnet.
