Foto: Gaëtan Bally
Musik über die Schweiz

Abendglühn und dreckiger Schnee

Von der Romantik bis heute hat die Schweiz musikalisch einen drastischen Imagewechsel durchgemacht.

Susanne Kübler

Der Graf Wallstein liess sich nicht lumpen: Als ihn ein Schweizer Senn nach einem Bergunfall rettete, wollte er diesem zum Dank ein sorgenfreies Leben bieten und baute dafür ein helvetisches Idyll auf seinem deutschen Landgut nach – inklusive Berghütte, Blumenbeet und Alpenpanorama. Eine abstruse Geschichte, zugegeben; aber sie machte Joseph Weigls 1809 im Wiener Theater am Kärntnertor uraufgeführtes Singspiel «Die Schweizer Familie» zum Hit. Schubert liebte das Werk, Wagner hat es dirigiert, während Jahrzehnten gehörte es zum Kernrepertoire der europäischen Bühnen. Und zweifellos hat es die romantische Begeisterung für die Schweiz befeuert.

Diese Begeisterung lässt sich auch an späteren Werken ablesen: An Liszts von schweizerischen Impressionen geprägten Klavierstücken der «Années de pèlerinage» etwa, oder an Rossinis letzter Oper «Guillaume Tell», für die er sich intensiv mit der Form des Kuhreihens auseinandersetzte. Auch der 1841 entstandene «Schweizerpsalm» des Urner Paters Alberich Zwyssig, der seit 1961 provisorisch und seit 1981 definitiv als schweizerische Nationalhymne dient, gehört in diese Reihe: Da rötet sich der Alpenfirn, und viele weitere Naturbilder vom Abendglühn über das Wolkenmeer bis zum wilden Sturm preisen nicht nur die hiesige Landschaft, sondern lassen die «fromme Seele» ahnen, wo Gott wirkt.

Grantigkeit statt Verzückung

Neuerdings hat dieser Gott nun allerdings schlechte Laune – nicht in den Alpen, aber knapp davor, zwischen Steffisburg und Thun. Der Schnee am Strassenrand ist dreckig, Himmel und See sind graublau im 2024 veröffentlichten Lied «Stäffisburg» der Berner Band Patent Ochsner. Da wollen sich keine erhabenen Gefühle einstellen, im Gegenteil. «Mir si iiklemmt hie», heisst es im Refrain, und eben: «Dr Liebgott het e schlächte Luun.»

Kein Zweifel: Da wird eine andere Schweiz besungen als im 19. Jahrhundert. Eine engere, gewöhnlichere, trübere. Das hat nicht nur damit zu tun, dass die Welt sich verändert hat und eine gewisse Grantigkeit dem Zeitgeist besser entspricht als die hymnische Verzückung. Sondern auch damit, dass die einst so attraktiven Naturmetaphern längst zu Klischees geronnen sind: Zu oft hörte man sie in Schlagern am Pistenrand oder in den vom Massentourismus gestürmten Bergrestaurants. Selbst im «Schweizerpsalm» klingen sie inzwischen für viele so falsch, dass immer wieder Umtextierungen vorgeschlagen werden.

Eine neue, kitschbefreite Sicht auf die Heimat war also gefragt, und die wird bereits seit einigen Jahrzehnten durchaus nicht nur von Patent Ochsner geliefert: Immer wieder steigen Soundtüftler in die Gletscher, um dem Eis besondere Klänge abzugewinnen. In Biel brachten der Komponist Fabian Müller und der Schriftsteller Tim Krohn 2021 die Oper «Eiger» zur Uraufführung, in der ein historisch belegter Bergunfall nicht wie bei Weigls Graf Wallstein glimpflich, sondern gleich vierfach tödlich ausgeht. Und dann sind da auch zahlreiche Volksmusik-Formationen, die sich mit rauer Ursprünglichkeit oder weltoffener Multistilistik von den Klischees absetzen.

Apropos Weltoffenheit: Da kommt einem die Band Züri West in den Sinn, die sich in «Bümpliz – Casablanca» bereits 1989 wegträumte aus einer Schweiz, in der der Mond wie ein Käse zwischen den Wolken hängt. Die Protagonisten des Songs wären dann tatsächlich fast losgezogen, sie waren «druff u dranne». Und blieben am Ende doch.

veröffentlicht: 02.02.2026

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