Mark Bächle (Foto: Simone Silverman)
SUISA Act

Es begann einst mit «E.T.»

Der in New York lebende Schweizer Filmmusik-Komponist Mark Bächle ist spätestens seit seiner Auszeichnung mit einem Emmy Award ganz oben angekommen. Wir stellen sein Schaffen im Rahmen des Zurich Film Festival vor.

Michaela Braun

Von Basel nach New York: So hiess es für den damals 23-jährigen Mark Bächle im Jahr 2000. Die Eltern unterstützten seine Pläne, dass er aber hängen bleiben würde, war nicht vorgesehen. So stellt sich die Frage, ob sein Umzug die Kreativität gefördert habe oder ob es eine reine Standort-Entscheidung war. Sicher mehr als Letzteres, kommt die Antwort prompt. New York sei ein hartes Pflaster für Musiker, aber auch sehr anregend. Es war nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Kraftprobe. Eine wertvolle Erfahrung – und für die Kreativität perfekt.

Heute wohnt er nicht mehr in Downtown, sondern am Meer, ausserhalb der Stadt. «Ich konnte mir hier ein Studio bauen, und Covid hat ja Remote Work total normalisiert. Ich fahre jeden Tag ans Meer, wenn auch bloss für zehn Minuten. Als Schweizer wird mir diese Weite immer etwas fremd und geheimnisvoll bleiben, aber sie gibt mir Perspektive und Objektivität.»

Zufälle, Rückschläge und ein Quäntchen Glück

Bei einem Kompositionsauftrag entsteht immer ein gewisser Druck, der Sound muss gefunden werden; aber Bächle ist da schon fast abgeklärt. Er zitiert Leonard Bernstein: «To achieve great things, two things are needed; a plan, and not quite enough time» – mit einem Plan und zu wenig Zeit entstehe Grosses.

Und Grosses ist entstanden in all den Jahren. Bächles Antwort auf die Frage, wie man sich denn den Rucksack fülle, ist schon fast bescheiden: Durchhaltevermögen, Geduld, Mut finden trotz Rückschlägen und Absagen sowie die richtigen Gelegenheiten beim Schopf packen. Das Quäntchen Glück hatte er nur schon deswegen, weil er nicht allein in New York war: «Ich bin seit dem ersten Tag mit meiner Frau (damals noch Freundin) Charmaine hier, wir haben alles zusammen aufgebaut. Da ging es vor allem zu Beginn ganz schön auf und ab. Im Rückblick bin ich auf unsere Geschichte ziemlich stolz.»

Das andere Glück waren die Mentoren, die sein Potenzial erkannten und ihn förderten. Zum einen war dies der Schweizer Musiker und Produzent Teese Gohl, der zahlreiche Filmmusiken verantwortete; zum anderen der New Yorker Komponist John Corigliano, der im Jahr 2000 für den Soundtrack zu «The Red Violin» den Oscar erhielt. Beide sehr einflussreich und grosszügig: «Ich war bei beiden Assistent und Mitarbeiter und konnte früh sehen, wie die Profis in der obersten Liga agieren. » Und wie arbeitet er selbst? Er sammle immer viel Material, bevor er sich hinsetze und komponiere, sagt Bächle: «Wie in einer guten Küche ist die Mise en Place der Schlüssel zum Erfolg.»

Dazu brauche es vor allem Geduld, denn man könne vieles an dem Prozess nicht steuern, aber immerhin lerne man ihn besser kennen: «Gute Ideen kommen spontan und nicht immer im besten Moment, etwa im Bett oder im Auto oder im Wald; ich mache dann eine Voice Memo, wenn ich etwas festhalten muss.» Seit Kindestagen spielt Mark Bächle Klavier und Schlagzeug. Ab und zu nimmt er sich für seine Kompositionen selbst auf. Aber Musiker*innen mit eigenem Charakter seien dann doch spannender. Vieles lasse sich heute elektronisch bewerkstelligen, aber ohne menschliches Mitwirken habe die Musik keine Seele, meint er.

«Revidieren, editieren, sich die Haare raufen»

2021 erhielt Mark Bächle für seine Musik zur Dokumentarreihe «Tending Nature» einen Emmy Award – so etwas geschieht nicht alle Tage. Die Auswirkungen der Auszeichnung lassen sich noch nicht beziffern. Das Beziehungsnetz hat sich sicherlich erweitert, und über einen Mangel an Arbeit kann er sich nicht beklagen: «Die meisten Aufträge kommen aber nach wie vor aus den Quellen, die ich mir über die Jahre zusammengetragen habe.» Die Wahrnehmung des Preises in der Heimat hat ihn gefreut, auch weil sich viele alte Freunde wieder einmal gemeldet hätten.

Weiterhin arbeitet er sowohl als Komponist wie auch als Orchestrator. Die Arbeitsweisen sind ganz unterschiedlich: «Komponieren ist ein Ringen, es braucht viel Sitzfleisch und Selbstdisziplin. Revidieren, editieren, neu ansetzen, sich die Haare raufen – siehe dazu ein Beethoven- Manuskript!» Wenn man aber in den Flow komme, sei das ein grosses Gefühl. Orchestrieren dagegen sei ein Handwerk: «Es belastet mich nicht mit demselben Druck, im Dunkeln zu tappen und etwas suchen oder finden zu müssen. Ich mache es gerne und arbeite als Orchestrator mit tollen Komponisten; das gibt Einblick in deren Welten und kann sehr Spass machen. Es muss im Film einfach alles wahnsinnig rasch gehen; der Druck beim Orchestrieren ist, dass man blitzschnell und trotzdem akribisch arbeiten muss.»

Der erste Kinofilm, den Mark Bächle einst sah, war «E.T.», für ihn ein guter Einstieg in diese Welt. Besonders geprägt haben ihn die 1980er- und 1990er-Jahre: «Steven Spielberg, Martin Scorsese, Robert Zemeckis und David Lynch waren damals alle auf dem Zenit. In der neueren Zeit gibt es vermehrt unkonventionelle Filmmusik, die besticht.» Der beste Soundtrack der letzten Jahre sei für ihn ganz klar jener von Volker Bertelmann für Edward Bergers «Im Westen nichts Neues»: «Die Musik ist brachial und geht richtig unter die Haut.»

Dass er selbst in dieser Szene gelandet ist, erachtet er als Privileg: «Ich habe hier eine Nische gefunden, die mir richtig gut passt. Dass man das Publikum 90 Minuten lang in eine Fantasiewelt entführen kann, etwas Tiefes bewegen oder Gedanken anregen kann, ist spannend und wichtig für mich.» Zwar überlege er immer wieder, was das Komponieren denn bedeute, sagt Mark Bächle. Überlebenswichtig sei das Metier ja nicht – und doch: «Kultur spielt im Leben der Menschen eine wichtige Rolle. Sie beflügelt die Zeit, die wir auf unserem Planeten verbringen können.»

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Volker Bertelmann alias Hauschka

Edward Bergers Kriegsdrama «Im Westen nichts Neues» wurde 2023 mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der Film ist vielleicht auch deshalb so hart und verstörend, weil der Ukraine-Krieg uns täglich begleitet und wir uns die Bedeutung eines solchen Kriegs für den einzelnen Kämpfer an der Front gar nicht vorstellen können. Neben den unglaublich starken und intensiven Bildern wird mit der Musik, die auf einem dreitönigen Motiv aufbaut, das menschliche Elend noch verstärkt. Das brachiale Harmonium im Gegensatz zu einer fast poetischen Klanglandschaft zu setzen, wirkt mutig.

Komponiert hat diese Musik Volker Bertelmann alias Hauschka, der dafür sowohl einen BAFTA Award als auch den Oscar für die beste Filmmusik erhielt. Er erklärt dazu: «Das Dreitonmotiv des Harmoniums ist der Sound der Kriegsmaschinerie. Es ist wie ein Kriegshorn und gleichzeitig, durch die Kürze des Motivs, sehr gut einsetzbar in Szenen, die wenig Raum lassen für Musik. Die poetische Klanglandschaft drückt im Kontrast dazu den Wunsch aus, wieder nach Hause zu kommen und Frieden zu finden. Es ist das religiöse Element. Kriegsmaschinerie und die Sehnsucht nach Frieden sind hier die beiden Gegenpole.»

Bei der 11. Ausgabe des Internationalen Filmmusik-Wettbewerbs wird Volker Bertelmann den Vorsitz der Jury übernehmen. Im zweiten Teil des Abends wird das Orchester Ausschnitte seiner Werke aufführen. Ebenfalls in der Jury sind der Dirigent Frank Strobel, der Filmkomponist Mark Bächle, die Regisseurin Sophie Linnenbaum sowie die Regisseurin und Animatorin Gabrielle Selnet, deren Kurzfilm «Au Revoir Jérôme!» für den Wettbewerb gewählt wurde.

September 2023
Sa 30. Sep
19.00 Uhr

Internationaler Filmmusikwettbewerb

Tonhalle-Orchester Zürich, Frank Strobel Leitung, Sandra Studer Moderation, Volker Bertelmann Jury-Präsident Baldenweg, Bächle, Internationaler Filmmusikwettbewerb, Rózsa, Marianelli, Tschaikowsky, Bertelmann, Irwin, Horner
veröffentlicht: 29.08.2023