Von Freund zu Freund
Auch die grössten Komponisten haben einmal klein angefangen. Einige von ihnen lernten von anderen Giganten der Musikgeschichte.
Im engeren Sinne war Johannes Brahms nie Schüler von Robert Schumann. Dennoch ist es kaum von der Hand zu weisen, dass der 23 Jahre ältere Kollege ein inspirierender Förderer war, der Brahms eine Plattform bot, auf der er sich entfalten und seinen einzigartigen Stil entwickeln konnte. Und nicht nur Schumann, sondern auch seine Ehefrau Clara ist eine aus Brahms’ Werdegang nicht wegzudenkende Figur. Im Oktober 1853 stellte sich das junge Talent in der Düsseldorfer Wohnung der Schumanns vor und präsentierte seine Werke am Klavier – ohne Noten. Nach kurzer Zeit unterbrach Schumann den damals 20-jährigen Komponisten mit den Worten: «Das muss Clara hören.» Nachdem er sie geholt hatte, soll er gesagt haben: «Hier, liebe Clara, sollst Du Musik hören, wie Du sie noch nicht gehört hast; jetzt fangen Sie das Stück noch einmal an, junger Mann.» Wie «eigens von Gott gesandt» empfand Clara diesen Besucher, wie sie in ihrem Tagebuch festhielt.
Während seines rund einmonatigen Düsseldorf-Aufenthalts stand Brahms nun täglich um elf Uhr vor Schumanns Tür, um ihn zu einem Spaziergang abzuholen. Abends veranstalteten sie gemeinsame Hauskonzerte. Als Brahms später einmal gefragt wurde, welchen Einfluss sein Freund auf sein Schaffen gehabt habe, meinte er trocken: «Von Schumann habe ich nichts gelernt als Schachspielen. » Diese für ihn typische wortkarge Antwort war wohl ein Schutzmechanismus. Er wollte nicht über diese schöne Zeit mit seinem mittlerweile verstorbenen Freund sprechen, der ihm auch ausserhalb der Musik vieles vermittelt hatte: Schumann hatte ihm neben dem Schachspiel auch das Tischrücken beigebracht – also das im 19. Jahrhundert beliebte Ritual, um mit Geistern Kontakt aufzunehmen –, zudem hatte er ihm Gedichte vorgelesen.
Schumann war von Brahms auf allen Ebenen angetan. Diese Begeisterung wollte er teilen. In einem Artikel der «Neuen Zeitschrift für Musik» mit dem Titel «Neue Bahnen» pries er ihn als «Berufenen»: «Ein junges Blut, an dessen Wiege die Grazien und Helden Wache hielten [...]; wir heissen ihn willkommen als starken Streiter.» Der prophetische Ton verfehlte seine Wirkung nicht: Sofort begannen sich renommierte Musikverlage für Brahms zu interessieren. Auf Schumanns Rat hin versuchte sich dieser an einem grösseren Orchesterwerk, tat sich jedoch schwer mit dem neuen Erfolgsdruck. An den Mentor konnte er sich nun aber nicht mehr wenden: Am 27. Februar 1854 unternahm Schumann, bei dem die Wissenschaft bis heute diskutiert, ob er an Schizophrenie, einer bipolaren Störung, Syphilis oder Alkoholsucht gelitten hat, einen Selbstmordversuch im Rhein – woraufhin er in eine Heilanstalt eingewiesen wurde.
Brahms eilte zu der schwangeren Clara und ihren sechs Kindern nach Düsseldorf. Dort stand er der Familie zwei Jahre lang bei und besuchte Schumann regelmässig – im Gegensatz zu Clara, der dies von den Ärzten verboten worden war. Ende Juli 1856 starb Schumann. Im selben Sommer beschlossen Clara und Brahms, der sich in sie verliebt hatte, während eines Aufenthalts in der Schweiz, getrennte Wege zu gehen. Dennoch blieben sie in Kontakt. Clara Schumanns Erfahrung als Komponistin, Herausgeberin und Interpretin war für Brahms von unschätzbarem Wert und er wandte sich weiterhin an sie, um sich Bestätigung und Rat zu holen. Obwohl es gelegentlich zu Spannungen kam, hielt ihre vielschichtige Beziehung jahrzehntelang.
