Renaissance des Stummfilms
Der Film «Blancanieves» ist stumm, schwarz-weiss – und von 2012. Gedanken zu einem Phänomen und ein Interview zur Filmmusik.
Im mehrfach preisgekrönten Stummfilm «Blancanieves» (2012) erzählt der spanische Regisseur Pablo Berger das Märchen von Schneewittchen auf poetische Art und Weise neu: In eindrucksvollen Schwarz-Weiss-Bildern führt die Geschichte ins archaische Spanien der 1920er-Jahre. Aus den sieben Zwergen wird eine Truppe kleinwüchsiger Toreros, die auf Volksfesten für skurrile Unterhaltung sorgt, während Carmen – so heisst Schneewittchen hier – zur gefeierten Stierkämpferin aufsteigt. Diesen besonderen Film präsentieren wir im Rahmen der Reihe Filmsinfonik als krönenden Abschluss unserer Saison.
«Blancanieves» ist nur einer von vielen zeitgenössischen Filmen, in denen Regisseur*innen auf Schwarz-Weiss-Aufnahmen, Zwischentitel, überdeutliche Mimik und eine starke Musik zurückgreifen, um an die Anfänge des Kinos anzuknüpfen und das Publikum erneut für die Kraft der reinen Bildsprache zu sensibilisieren.
Ein wichtiger Grund für diese Renaissance ist die Nostalgie. Viele Filmschaffende wollen den grossen Stummfilm-Meistern wie Charlie Chaplin, Friedrich Wilhelm Murnau oder Fritz Lang ihre Reverenz erweisen. Sie sehen in diesem Genre nicht nur ein historisches Kuriosum, sondern eine eigenständige Kunstform, in der Emotionen, Konflikte und Geschichten fast ausschliesslich über Bilder und Musik vermittelt werden. In einer Zeit, in der Filme häufig von schnellen Schnitten, lauten Effekten und pausenlosen Dialogen geprägt sind, wirkt der bewusste Verzicht auf gesprochene Sprache wie eine ästhetische Gegenbewegung.
Besonders deutlich wurde die moderne Wiederbelebung des Stummfilms durch die französisch belgischen Produktion «The Artist» aus dem Jahr 2011. Der Film ist in Schwarz-Weiss gedreht, im historischen Bildformat gehalten, bis auf wenige Momente stumm – und verbindet diese Ästhetik mit zeitgenössischer Erzählkunst. Er wurde weltweit begeistert aufgenommen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter fünf Oscars.
Insgesamt zeigt die Renaissance des Stummfilms, dass grosse Geschichten nicht auf gesprochene Worte angewiesen sind. Die Konzentration auf Bildkomposition, Körpersprache und Musik eröffnet andere Zugänge zu Emotionen und Themen. Aktuelle Stummfilme oder davon inspirierte Produktionen beweisen, dass alte Formen in neuem Gewand sehr lebendig und modern wirken können. Sie verknüpfen historische Erinnerung mit künstlerischer Experimentierfreude und machen deutlich, dass der Stummfilm nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart des Kinos mitprägt.
Zur Filmmusik
Der Flamenco-Musiker und -Tänzer Juan Gómez «Chicuelo», geboren 1968 in Barcelona, hat den Soundtrack zu «Blancanieves» mitgeprägt und singt nun auch in der Zürcher Aufführung. Hier erzählt er, wie die Musik entstanden ist.
Wie wichtig ist die Flamencomusik für die Geschichte und die Ästhetik von «Blancanieves»?
Sie spielt eine entscheidende Rolle. Die Grossmutter von Blancanieves tanzt Flamenco, die Mutter ist eine Flamencosängerin und der Vater ein Stierkämpfer. Auch wenn die Mutter ganz am Anfang des Films stirbt, bleibt Blancanieves über ihre Aufnahmen im Kontakt mit ihr. Ausserdem gibt es eine gewisse Verwandtschft zwischen dem Flamenco und dem Stierkampf, sie haben immer zusammengehört.
Welche Art von Flamenco haben Sie für «Blancanieves» verwendet? Ist es ein «historisch korrekter» Stil, der zum Setting des Films in den 1920er-Jahren passt?
Das ist eines der Dinge, auf die ich am meisten stolz bin: Dass ich dank diesem Film die Chance hatte, mich selbst in einem Flamenco-Stil auszudrücken, der viel älter ist als jener, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich gehöre zu einer jüngeren Generation von Flamencomusikern, aber ich habe Flamenco von den Wurzeln her gehört, von der Tradition her. Und dieser Film brauchte einen traditionellen Flamenco-Stil, eben weil er im Spanien der 1920er-Jahre spielt.
Ist das der Grund, warum Sie das «cajón flamenco», die typische Kistentrommel, nicht verwenden?
Genau. Es gibt Musik für Gitarre und Stimme, aber kein Cajón, weil das in den 1920ern noch nicht existierte. Die Palmeros, also Klatschkünstler, sind ebenfalls sehr wichtig, sie verwenden auch ihre Knöchel. So begleiteten die Leute damals die Flamenco-Rhythmen: indem sie Bartheken und Strassenstände als Perkussionsinstrumente nutzten. Daher habe ich einen chamäleonartigen Stil verwendet, der auf dieser Flamenco-Tradition aus dem frühen 20. Jahrhundert basiert.
Welche «palos», also Flamencoformen, haben Sie verwendet?
Ganz verschiedene, und sie haben alle ihren spezifischen Charakter. Der «zapateado» klingt freudig, er erklingt wenn die junge Blancanieves tanzt, während die Grossmutter ein Kleid für sie näht. Es ist ein sehr rhythmischer «palo», der an sich schon für gute Laune sorgt. Das Lied «No te puedo encontrar» ist eine «bulería» und ebenfalls mit dieser freudigen Stimmung verbunden. Die Grossmutter möchte in dieser Szene, dass Blancanieves nach dem Tod der Mutter wieder lächelt – aber sie stirbt, während sie tanzt. Das ist so überwältigend! Die «bulería» ist so energiegeladen, dass man vorsichtig sein muss … sonst kann es sich als kontraproduktiv erweisen. Ich habe auch eine «seguiriya» komponiert für den Moment, in dem Blancanieves berühmt wird und in die Stierkampf-Arena von Sevilla geht. Dieser «palo» ist sehr ernst, passend zur Strenge des Stierkampfs. Und schliesslich habe ich eine «saeta» geschrieben, ein «palo» mit einer engen Verbindung zum Tod. Diesen Stil hört man in Spanien während Ostern.
Wie gehen Sie als Darsteller mit der Erfahrung um, live zum Film zu tanzen, in Abstimmung mit Maestro Frank Strobel und der Orchesterbegleitung?
Die Erfahrung ist, gelinde gesagt, interessant. Der Adrenalinspiegel steigt, wenn man auf seinen Einsatz wartet, auf den plötzliche und sehr präzise Flamenco-Einlagen folgen, die perfekt mit den Bildern synchronisiert sein müssen. Man möchte es immer so makellos wie möglich hinbekommen, und ehrlich gesagt ist das sehr schwierig, denn man hat keine zweite Chance! Der Film läuft ab, und man muss jede Szene genau im richtigen Moment erwischen und die Musik perfekt dazu spielen. Das ist nur etwas für Künstler, die das Risiko lieben – so wie ich –, denn wer kein Risiko mag, der kann dabei eine schlimme Zeit haben! Aber ich persönlich habe immer viel Spass dabei.
Zum Schluss noch: Was halten Sie von Pablo Bergers ganz eigener Neuinterpretation von «Schneewittchen»?
Ich finde sie sehr originell. Die Geschichte ist zwar bekannt, aber Pablo Bergers Vision ist einzigartig. Es ist wirklich ein Kunstwerk. Und es hat viel mit uns zu tun, mit Spanien – oder zumindest mit Andalusien. Es ist tatsächlich ein Film wie kein anderer.
Das Interview wurde von Fernando Carmena von der Europäischen FilmPhilharmonie geführt.
