Francesco Piemontesi (Foto: Camille Blake)
Flügel-Einweihung

«Es ist schon eine gewisse Verantwortung»

Der Tessiner Pianist Francesco Piemontesi hat einen neuen Steinway-Flügel für die Grosse Tonhalle ausgewählt – und weiht ihn nun auch ein.

Interview: Susanne Kübler

Im vergangenen Dezember sind Sie nach Hamburg gereist, um in der Steinway-Manufaktur einen neuen Konzertflügel für die Tonhalle Zürich auszuwählen. Wie oft waren Sie schon dort?

Das war jetzt das sechste oder siebte Mal, ich habe schon mehrfach Flügel für Orchester und Konzertsäle ausgesucht. Einer davon steht in Genf, auch den neuen Steinway für Bern habe ich ausgewählt. Für mich selbst war ich nie in Hamburg: Meinen ersten Steinway habe ich in Lugano gekauft, der steht noch bei meinen Eltern. Einen zweiten habe ich in Hannover ausprobiert und sofort gemocht. Und dann bekam ich zwei Instrumente geschenkt: Eines von meiner Lehrerin Cécile Ousset, ein zweites gehörte einst dem Pianisten Witold Małcużyński.

Hatten Sie denn einen spezifischen Auftrag für Zürich?

Es war klar, dass ich ein kräftiges Instrument wählen sollte. Die Grosse Tonhalle ist kein kleiner Saal, da muss der Klang schon tragen. Zudem kommt der Flügel vor allem in Orchesterkonzerten zum Einsatz, muss sich also gegenüber einem grossen Apparat behaupten. Ich habe schon einige Male mit dem Tonhalle-Orchester Zürich gespielt und weiss, wie viel der Flügel hergeben muss. Gleichzeitig muss man aufpassen: Ein kräftiges Instrument kann schnell knallig werden. Wir wollten aber einen Flügel, der zwar knallen kann, wenn es die Partitur verlangt, auf dem laute Passagen aber auch rund klingen können. Das Orchester hat ja diesen wunderbaren Klang, der Flügel muss dazu passen.

Und so einen Flügel haben Sie gefunden?

Ja! Das ist nicht selbstverständlich. Als mich Ilona Schmiel angefragt hat, habe ich ihr gleich gesagt, dass es sein kann, dass wir zwei oder drei Mal nach Hamburg fahren müssen – die Auswahl an Instrumenten ist ja jedes Mal anders. Aber wir hatten Glück, wir waren uns gleich beim ersten Versuch ziemlich schnell einig. Ich konnte elf oder zwölf Flügel ausprobieren, und da war tatsächlich einer, der kräftig, aber nicht nur grell und perkussiv klingt, sondern eben auch den ganzen Reichtum an Farben besitzt.

«Selected»: Mit diesem Wimpel wird in der Hamburger Steinway-Manufaktur das ausgewählte Instrument markiert.
D 628786: Der Flügel mit dieser Nummer wurde für die Tonhalle Zürich ausgewählt.
Neben Francesco Piemontesi (links) reisten auch Intendantin Ilona Schmiel und Klavierbaumeister Jean-Christophe Hannig nach Hamburg.
Die Flügel stehen in einem eigenen Raum zum Ausprobieren bereit.
Francesco Piemontesi findet sich auch auf der Fotowand in der Hamburger Steinway-Manufaktur.

Mit welchen Stücken haben Sie die Instrumente getestet?

Ich hatte etwa zehn Ausschnitte aus ganz unterschiedlichen Werken dabei, von Scarlatti bis zu zeitgenössischen Stücken. Es ist wichtig, dass man die ganze Bandbreite ausprobiert. Wenn man dann auf allen Flügeln dieselben Passagen spielt, hat man einen guten Vergleich, was ein Instrument kann und was nicht.

Nun steht der neue Steinway in der Grossen Tonhalle …

… und hier folgt der zweite Teil der Arbeit. Vor meinem Rezital werde ich nach Zürich kommen, um zusammen mit dem Techniker Jean-Christoph Hannig das Instrument einzurichten, das ist enorm wichtig. Ein Konzertsaal ist etwas ganz anderes als ein trockener Steinway-Raum in Hamburg – und es ist erstaunlich, wie viel man noch herausholen kann, wenn die Substanz des Instruments gut ist.

Worauf achten Sie bei dieser Arbeit?

Es geht darum, dass jedes Register gut durchkommt, dass die Bässe stark genug sind, dass alles gleichmässig klingt. Die Frequenzen werden ja in jedem Raum anders reflektiert – deshalb kann es sein, dass an einem Ort alles gleichmässig wirkt, aber an einem anderen klingt eine Oktave plötzlich zu leise oder zu laut. Ich werde also einiges spielen, der Techniker hört vom Saal aus zu, dann besprechen wir unsere Eindrücke. Wenn wir uns einig sind, arbeitet er an diesen Details.

Beim Rezital, bei dem der Flügel eingeweiht wird, spielen Sie Werke von Schubert und Liszt. Was war der Grund für dieses Programm?

Einerseits sind es zwei meiner Lieblingsstücke. Schuberts G-Dur-Sonate D 894 mit ihrer unfassbaren Weite und Ruhe – das ist sehr berührende, kontemplative, nach innen gerichtete Musik. Selbst in den volkstümlicheren Passagen bleibt stets etwas Abgründiges und Existenzielles spürbar. Liszts Schweizer Band der «Années de pèlerinage» hat ebenfalls poetische, idyllische Momente; aber die Natur, die in diesen Stücken gespiegelt wird, kann auch sehr bedrohlich sein. Die Pilgerfahrt, die im Titel angesprochen wird, ist nicht im engeren Sinn religiös gemeint, sondern als eine Reise durch die Natur und zugleich durch innere Welten. Als Schweizer empfinde ich zu dieser Musik eine besondere Nähe: Ich kenne diese Landschaften und das unmittelbare Erlebnis der Berge sehr gut. Deshalb sind diese Stücke für mich weit mehr als romantische Naturbilder – sie erzählen auch von einer Pilgerfahrt zu sich selbst.

Haben Sie diese Werke in Hamburg schon ausprobiert?

Ja, denn man braucht ein Instrument, das solche Kontraste erlaubt. Man muss dieses ganz Feine realisieren können, aber eben auch das Gewitterhafte.

Wenn Sie ein Instrument auswählen: Spüren Sie dann auch eine Verantwortung gegenüber all den Kolleg*innen, die darauf spielen werden?

Wichtig ist einfach, dass man darauf achtet, dass das Instrument wirklich top ist: dass die Mechanik perfekt funktioniert, dass es gut in den Saal eingepasst ist. Das kann ich garantieren – ich konzertiere ja die ganze Zeit und habe genügend Vergleiche mit anderen Flügeln. Aber klar, am Ende ist es mein Geschmack, das ist schon eine gewisse Verantwortung. Wobei sich der Flügel ja auch verändern wird: Jeder Pianist, jede Pianistin hat eine andere Vorstellung, die einen möchten den Klang ein wenig heller, die anderen ein wenig dunkler; das Instrument wird bei jedem Programm wieder neu eingerichtet und gestimmt. Es kann gut sein, dass es nach zwei, drei Jahren etwas anders klingt als nun bei der Einweihung.

September 2026
So 13. Sep
19.30 Uhr

Klavierrezital: Francesco Piemontesi

Francesco Piemontesi Klavier Schubert, Liszt
veröffentlicht: 02.09.2026

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