Sieben Anfänge
Wie beginnt eine Karriere? Eine Zusammenarbeit? Ein Auftritt? Antworten von und über die georgische Pianistin Khatia Buniatishvili.
01
Es sind nur ein paar Meter von der Bühnentür bis zum Flügel. Manche Pianist*innen huschen da nur so durch, als wollten sie möglichst schnell und unauffällig hinter den Tasten ankommen. Nicht so Khatia Buniatishvili: Ihr Auftritt sitzt ebenso perfekt wie ihr Designerkleid, sie strahlt ins Publikum und ins Orchester, glamourös, offen, ganz und gar präsent. Was sie dann musikalisch bietet, ist in der Regel genauso: Kommunikativ nach allen Seiten, glamourös, offen, ganz und gar präsent.
02
Erste Versuche am Klavier mit drei Jahren, Unterricht zunächst bei der Mutter, erster öffentlicher Auftritt mit Orchester als Sechsjährige: Das klingt nach Schema F für den Beginn einer grossen Solokarriere. Aber die Musik war für Khatia Buniatishvili auch ein Refugium. Sie wuchs auf in der georgischen Stadt Batumi, damals rund 120'000 Einwohner, Lage direkt am Schwarzen Meer. Georgien war nach dem Zerfall der Sowjetunion von Kriegen und Kriminalität geprägt, es gab oft tagelang keinen Strom und fliessendes Wasser nur zu bestimmten Zeiten. Sie habe als Kind vor allem Freiheit gesucht, hat sie einmal gesagt: in der Musik, in Büchern, in ihrer Fantasie.
03
Ihre erste weitreichende politische Entscheidung fällte Khatia Buniatishvili 2006, mit 19 Jahren: Sie beschloss, nicht mehr in Russland aufzutreten. Was sie von Diktatoren und Kriegen hält, hat sie seither in unzähligen Interviews ausgeführt.
04
Khatia Buniatishvilis Zusammenarbeit mit dem Tonhalle-Orchester Zürich begann 2018 auf einer Tournee nach China, Taiwan und Südkorea. Auch die Geschichte von Paavo Järvi und dem Orchester hatte damals gerade angefangen, er leitete die Konzerte als designierter Music Director. Aber der Dirigent und die Pianistin: Sie kannten sich schon lange. 2012 standen sie beim Rheingau Musik Festival erstmals auf derselben Bühne, seither sind sie in den unterschiedlichsten Ecken der Welt miteinander aufgetreten, in der gemeinsamen Diskografie finden sich Klavierkonzerte von Chopin und Rachmaninow. «Ich verehre Khatia», sagt Paavo Järvi. «Sie ist eine authentische und originelle Persönlichkeit, willensstark, mit Temperament. Und dazu eine jener Pianistinnen, die von allen anderen heimlich um ihre Fähigkeiten beneidet werden.»
05
Der Moment, wann eine erfolgreiche Solistin zum Superstar wird, lässt sich nie eindeutig bestimmen – auch bei Khatia Buniatishvili nicht. War es 2008, bei ihrem umjubelten Debüt in der New Yorker Carnegie Hall, nach dem sie plötzlich überall gefragt war? 2012, als sie ihren ersten Echo Klassik erhielt? 2015, als sie mit der Band Coldplay auftrat? Oder 2025, als ein Asteroid nach ihr benannt wurde?
06
Was steht am Anfang? Khatia Buniatishvili, Antwort Nr. 1: «Das Werk ist gegeben. Aber ich bin frei in der Entscheidung, mit welchen Gefühlen ich ihm begegne.»
07
Antwort Nr. 2: «Ehrlichkeit ist der Anfang von Kunst.»
Doppelter Blitzstart
Zwei Klavierkonzerte präsentiert Khatia Buniatishvili als Fokus-Künstlerin, und bei beiden legt sie ohne grosses Vorspiel praktisch sofort los: In Tschaikowskys Klavierkonzert Nr. 1 setzt sie nach nur fünf Orchestertakten ein, im Fortissimo. In Griegs Konzert startet sie bereits nach einem kurzen Paukenwirbel – ebenfalls im Fortissimo. Und dann stehen diese Werke auch noch am Anfang des jeweiligen Programms! Will heissen: Es gibt keine Akklimatisierungsphase, weder für die Solistin noch fürs Publikum. Sie stellt sich beziehungsweise ihre Kunst schon in den ersten Sekunden ins Zentrum des Geschehens. Wer sie kennt, weiss, dass sie für den Rest der Werke dort bleiben wird.
