Nie ohne meine Brille
Der Schweizer Komponist Dieter Ammann prägt die Saison 2026/27 als Creative Chair. Wie beginnt er mit dem Komponieren? Wie hat er überhaupt zur Musik gefunden? Und welche Begegnungen haben einen neuen Anfang bedeutet? Ein Hausbesuch.
Kein umständliches Begrüssungsritual, keine Formalitäten. Stattdessen sind wir sofort Teil des Alltags von Dieter Ammann. Der Hund müsste nochmal raus – lieber jetzt oder nachher? Es ginge dann nämlich ein Weilchen. Wir entscheiden uns für später, weil wir eigentlich bereits mitten im Thema sind.
Französisches Farbspiel
«Sind die Augenringe sehr schlimm?», fragt Dieter Ammann, als wir im Treppenhaus stehen und uns auf den Weg nach oben machen wollen. Bis nachts um 4.30 Uhr habe er noch über einem Takt der neuen Partitur gebrütet. Und schon stehen wir davor: Der Flügel im Dachgeschoss ist ein gut bevölkertes Arbeitspult. Darauf tummeln sich ganz verschiedene Notenpapiere – gedruckte, handgeschriebene und leere Notenlinien. Zwischen Geigenbogen, Bleistift, Arbeitsbrille und dem Abrieb vom Radiergummi zückt er die Partitur, die letzte Nacht weitergewachsen ist und am Tag reift – auch während wir sprechen. «Wie du hier siehst, gibt es keine Verdoppelung der Stimmen, sondern es ist wirklich 35-stimmig. Dadurch entsteht diese Melange, die ich so liebe und die ich bei den Franzosen immer so geliebt habe. Dann hörst du nicht mehr, welches Instrument mit welchem anderen zusammengeht. Das hat wahrscheinlich auch Boulez an meiner Musik so gefallen.»
Es ist spürbar, dass die Arbeit im Kopf weitergeht, auch wenn der Körper nach einem Kaffee verlangt. Und so wie schon die ersten Sätze von Dieter Ammann mit Verweisen gespickt sind, ist es auch seine Arbeitsstube: Plakate und Programme, Widmungen auf Fotografien, in Partituren und Büchern.
«An Dieter Ammann. In Erinnerung an unser Treffen in Luzern und sein ausserordentliches Streichtrio. Mit allen besten Wünschen. Pierre Boulez»: Das Buch mit dieser Widmung hat er 2004 überreicht bekommen. Einige Jahre später wollte der französische Altmeister der Avantgarde Orchestermusik von Ammann im Programm haben und es entstand «Turn» als Mittelteil zwischen «Core» und «Boost». «Deine Musik ist anders», hatte Boulez zu ihm gesagt, «normalerweise bekomme ich Dinge vorgelegt, die klingen ein wenig wie ich. Aber Boulez kann ich selbst am besten.» Dieter Ammanns Lachen lässt ein bisschen Stolz und viel Glück durchscheinen, im richtigen Moment gesehen worden zu sein.
Wie kommt der Ton auf die Welt?
Im Bewusstsein dafür, wie wichtig es ist, individuelle Stärken zu entwickeln, unterrichtet er schon seit vielen Jahren. In einer Eins-zu-eins-Situation kann er mit den Studierenden intensiv arbeiten. «Ich unterrichte gerne, denn ich kann mich gut in andere Personen und andere musikalische Sprachen einfühlen. Dadurch kann ich ihnen helfen, einfach ein bisschen besser zu sich selbst zu finden.»
Er arbeitet mit Übungen, die eine Fokussierung zur Folge haben. Zum Beispiel eine Übung, die er von Ligeti übernommen hat: Schreib für ein Streichinstrument ein Stück, in dem nur der Ton «a» vorkommt. «Die Idee ist, einen Parameter zu fixieren, zum Beispiel die Tonhöhe. So bist du gezwungen, mit dem zu arbeiten, was übrig ist. Du bist mit der Frage konfrontiert: Wie kommt der Ton auf die Welt? Dann muss man am Ton selbst arbeiten.»
Denn überraschend viele Studierende produzieren zwar Klänge, aber noch keine Musik: «Für mich ist es wichtig, dass es einen Fokus gibt. Und im besten Fall soll das Publikum das auch noch hörend nachvollziehen können. Doch es gibt wirklich Leute, die an ihrem Computer hocken und nicht wissen, was sie komponieren. Mit einer mediokren Impro-Truppe könntest du locker das Gleiche zustande bringen. Komposition soll aber viel differenzierter bestimmen, was zu welchem Zeitpunkt, in welcher Abhängigkeit nacheinander oder miteinander passiert.» Wenn Dieter Ammann den Vergleich mit Improvisation heranzieht, dann weil er sich selbst damit auskennt. Dort liegen seine eigenen Anfänge.
Dinosaurier im Klavierunterricht
Einen benennbaren Anfang mit Musik gibt es allerdings nicht. Sie war immer da – Dieter Ammanns Vater wollte Klavier studieren, musste aber der Familientradition an die ETH folgen. Stattdessen hat er sich mit Tanzmusik das Studium finanziert: «Er konnte etwas am Radio hören und sofort nachspielen. Das gute Gehör haben mein Bruder und ich wohl von ihm.»
«Ich wäre jetzt nicht in der Tonhalle Zürich, wenn es diese vier Leute nicht gegeben hätte: Pierre Boulez, Wolfgang Rihm, George Benjamin und Unsuk Chin. Denn ich bin nicht der Typ, der jedes Jahr zwei Werke raushauen kann.»
Das war auch im Klavierunterricht von Vorteil – bei Onkel Frank, einem befreundeten Primarlehrer. «Das Problem war, dass ich nie richtig Notenlesen gelernt habe. Ich habe alles stets nach Gehör gespielt. Onkel Frank hat etwas vorgespielt und ich bin dann nach Hause gewetzt und habe es so gut wie möglich nachgespielt.» Und das mit dem Üben war auch so eine Sache: «Ich war oft schlecht vorbereitet, und Onkel Frank ist nach acht Stunden Arbeit auch fast eingeschlafen. Dann habe ich gefragt, ob wir nicht lieber Dinosaurierbücher anschauen können, weil ich ja eh Paläontologe werden möchte. Das haben wir auch oft gemacht.»
Die Musik war kein Berufswunsch, sondern etwas Spielerisches. «Zusammen mit meinem Papa am Klavier und meinem Bruder, zu dritt einfach Musik zu machen – da habe ich mich sehr wohl gefühlt. Wir sind vom Klassischen zum Volkslied und zum Tango gekommen.» Erst Blockflöte, Melodika, Gitarre, später vor allem Trompete. «Ein guter klassischer Interpret wäre aus mir nicht geworden», sagt Ammann, aber losgelassen hat ihn die Musik nie.
Mit Krokus zum Komponieren
Dass Dieter Ammann zum Komponieren gefunden hat, war, wie so vieles im Leben, Zufall: Anlässlich der grossen 700-Jahrfeier der Eidgenossenschaft, kurz «CH91», fragte seine ehemalige Klavierlehrerin von der Kanti an, ob er etwas für eine Viererbesetzung schreiben könnte – Flöte, Oboe, Geige und Klavier. «Da war ich noch im Studium, das Musikmachen war meine Haupteinnahmequelle. Und ich habe dann ein Stück geschrieben, das ‹Vier nach zwölf› hiess – eine riesig gesteigerte Harmonisierung einer Zwölftonreihe.» Er sei «wahnsinnig stolz» gewesen, lacht er herzhaft in Erinnerung an seinen jugendlichen Elan.
Die Reihe der Zufälle setzte sich fort: Ein Malerfreund von Dieter Ammann, Willy Müller-Brittnau, wollte für eine Ausstellung Musik von ihm. «Aber ich konnte ja nicht jeden Abend, einen Monat lang, dort improvisieren.» Aus dieser Not heraus komponierte er etwas – ein 8-Minuten-Stück für Streichorchester. «Damit bin ich ins Tonstudio der Band Krokus. Sie hatten schon gute Synthis, und wir haben das Stück eingespielt, Registergruppe für Registergruppe. Dann konnten wir es in der Ausstellung in Dauerschleife laufen lassen.» Dort hat es der Pianist vom Ensemble für Neue Musik Zürich gehört und es folgten mehrere Aufträge.
Vier prägende Begegnungen
Nach diesen ersten Aufträgen waren es Begegnungen, die seinen weiteren Weg prägten. «Ich wäre jetzt nicht bei euch in der Tonhalle, wenn es diese vier Leute nicht gegeben hätte: Pierre Boulez, Wolfgang Rihm, George Benjamin und Unsuk Chin. Da bin ich sehr dankbar. Denn ich bin nicht der Typ, der jedes Jahr zwei Werke raushauen kann.»
Das Ende kennt Dieter Ammann eigentlich nie. «Ich würde sogar sagen, das ist der Grund, warum ich komponiere. » Nicht zu wissen, wie sich etwas entwickelt, welches Potenzial es birgt oder eben nicht: «Darum geht es.»
Aber er hatte in den richtigen Momenten Stücke parat, die begeisterten. So zum Beispiel 1997, als Wolfgang Rihm Composer in Residence bei den Luzerner Festwochen war. Dieter Ammann unterrichtete damals bereits und sagte zu seinen Studierenden: «Heute ist ein sehr berühmter zeitgenössischer Komponist hier. Anstatt wieder einen Bach-Choral mit Quintparallelen zu schreiben, gehen wir jetzt dorthin.» Rihm erkundigte sich nach den Gästen und erfragte, ob Ammann auch selbst komponiere: «Bringen Sie doch morgen etwas von sich mit.» Am nächsten Tag hat Ammann sein Saxophonkonzert vorgestellt, «und Rihm war hellauf begeistert. Zufällig war die Fotografin Priska Ketterer anwesend und hat abgedrückt. So ist das Foto mit uns beiden entstanden.» Es war der Auftakt zu einem intensiven Austausch mit dem inzwischen verstorbenen Wolfgang Rihm. 14’000 Mails schätzt Ammann, SMS und Höranalysen, Zotiges und Persönliches. «Er fehlt mir schon sehr.»
Brille aufsetzen und los
Erinnerungen scheinen bei Dieter Ammann so lebendig zu sein, als wären sie gerade erst passiert. Und er umgibt sich gerne mit ihnen. Seien es die Urkunden zur Ehrenbürgerschaft von Zofingen im Treppenhaus, die Messlatten, die einst die Wachstumsfortschritte der Kinder dokumentierten oder Urlaubssouvenirs. Doch hier stellt er gleich zu Beginn klar: «Das ist gar nicht so mein Ding, unterwegs zu sein. Ich bin am liebsten zu Hause.»
Das gilt auch – und vor allem – für das Komponieren. «Ich kann eigentlich nur da komponieren», und zeigt quer durch den Raum zu seinem Flügel. «Es ist so eine Reise ins Unsichere, es sortiert sich alles im Kopf, bevor ich es aufschreiben kann. Da brauche ich nicht noch eine Unregelmässigkeit in der Umgebung.» Es gab ein paar Residenzaufenthalte, die explizit zum Komponieren genutzt werden sollten – und das hat er dann getan. Aber wirklich gerne mache er das nicht.
«Ich brauche auch mein Chaos, das eigentlich gar nicht so ein Chaos ist. Und die Brille! Diese Brille ziehe ich wirklich nur zum Komponieren an. Das ist so ein Vorgang der Konzentration. Wenn ich die aufsetze, geht es los.»
Ein Weg ins Ungewisse
Und wie geht es los? Tatsächlich gebe es ein Muster bei ihm. «Bei mir kommt es selten aus dem Nichts – das gab es noch viel in der Neuen Musik. Ich habe es gern, wenn man erstmal geweckt wird.» Am Anfang steht ein Impuls. «Das ist vielleicht fast eine Masche. Doch dann geht es immer anders weiter: Einmal setze ich einen Kontrast, ein anderes Mal komponiere ich das Echo von diesem Impuls aus. Und im dritten Stück ist es eine verdichtete Variante vom Impuls und so weiter.»
Das Ende hingegen kenne er eigentlich nie. «Ich würde sogar noch weitergehen und sagen, das ist der Grund, warum ich komponiere. Das Geld ist es ja nicht. Die penible Selbstbefragung – ist das gut genug oder nicht? Das ist es ebenfalls nicht. Aber die Reise ins Ungewisse – du hast keine Ahnung, wo du in drei, vier Monaten damit stehst, was es für Potenzial birgt oder eben auch nicht: Darum geht es.»
Die einzige Gewissheit in seinem Arbeitszimmer ist das Arbeitszimmer selbst – und das meint sogar eine physische Gewissheit. Denn beim Einzug wurde der Flügel mit dem Kran über den Balkon hineingebracht. Dieser musste inzwischen aufgrund von Isolierarbeiten abgenommen werden. Jetzt kann der Flügel nicht mehr raus. Aber es gibt schlimmere Aussichten für Dieter Ammann.
